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  eine kurze geschichte des asana-begriffs
 

Asana meint wörtlich: sich setzen, sich hineinbegeben, sich einrichten in einer bestimmten Position. Der Begriff rührt her von der Sanskrit-Wurzel "as", was soviel bedeutet wie sitzen, sein oder bleiben. Allgemein gesprochen steht der Begriff Asana für die verschiedenen Körperstellungen des Hatha-Yoga.

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte des Asana-Begriffs, stellen wir fest, dass sie sehr weit zurück reicht. Bei Ausgrabungen in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden ikonographische Darstellungen entdeckt, die einen Yogin in einer bestimmten Sitz-Haltung zeigen. Bei diesem Fund, der aus der Harappa- und Mohenjo-Daro-Zivilisation stammt (datiert etwa um 2500 v. Chr.), handelt es sich höchstwahrscheinlich um Shiva, den Herrn der Yogins. Des weiteren wird der Begriff Asana in den Upanishaden und in der Bhagavadgita (800-400 v. Chr.) erwähnt. Eine erste genauere Definition erfährt er in den Sutren des Patanjali (entstanden ca. zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr.), auf den sich auch heute noch alle Yogaschulen am häufigsten beziehen. Patanjali postuliert einen achtgliedrigen Übungsweg, in dem Asana die dritte Stufe darstellt und mittels vier Sutren erläutert wird. (Zweites Kapitel, Verse 19 und 46-48). Patanjali definiert Asana als eine Sitz-Haltung, die sowohl feste und stabile als auch gelöste, von Leichtigkeit bestimmte Qualitäten aufweisen soll. Vereinen sich Gelöstheit und Leichtigkeit mit Gesammeltheit und Bodenständigkeit, kann sich das Bewußtsein in den unendlichen Raum hinein ausweiten.

Erst durch tantrischen Einfluß entwickelten sich aus der Sitzhaltung bei Patanjali eine Reihe von Körperstellungen, die diesem zur Gesundung, Reinigung und Vollendung dienen. Der Körper erfuhr in dieser Zeit eine ganz neue Wertschätzung, wurde zum Tempel der Seele, wohingegen er in früherer Zeit als Hindernis auf dem Weg zur Selbstverwirklichung angesehen wurde. Um das zwölfte Jahrhundert entstanden Schriften wie die Hatha-Yoga-Pradipika, die Gheranda-Samhita und die Shiva-Samhita, in denen eine Vielzahl von Asanas beschrieben werden.

In der westlichen Kultur des beginnenden 21. Jahrhunderts sind Gesundung, Reinigung und Vollendung des Körpers so in den Vordergrund des Interesses gerückt, dass Patanjali angesichts der in Hochglanzmagazinen abgelichteten, die kompliziertesten Körperstellungen ausführenden Filmstars wahrscheinlich höchst verwundert wäre.
Doch die Vorstellung Patanjalis, bei dem Asana eine Haltung der Versenkung markierte, in der der Übende in einem konzentrierten Kontakt mit allen körperlichen, emotionalen und geistigen Agitationen weilt und lernt, Gleichmut zu entwickeln, kommen auch beim heutigen Asana-Üben eine bedeutende Rolle zu.

Wirft man einen Blick auf die Namen der in den Hatha-Yoga-Schriften aufgeführten Asanas - sie umfassen Götter, Tiere, Pflanzen und Mineralien - , dann stellt man fest, dass in ihnen der Grundgedanke des Yogasystems zum Tragen kommt, nämlich dass der universelle Geist in allen Dingen existiert und darüber hinaus allen Erscheinungsforrnen des Universums der gleiche Respekt gezollt werden soll.

Fast jeder Yoganeuling erfährt auch heutzutage in den ersten Übungsstunden, dass eine bestimmte Dehnung in irgendeinem Asana nicht nur eine Streckung da und dort bedeutet, sondern eine Verbindung in die Tiefe des Seins zu haben scheint. Jedes Asana stellt einen bestimmten Bereich unseres Lebens dar, entspricht einem Aspekt von uns und eröffnet uns damit einen Weg nach innen zu größerer Bewußtheit.

So wie sich der gesamte Lebensprozeß unaufhörlich im Wandel befindet, so hat sich auch die Welt des Yoga im Laufe der Jahrhunderte schöpferisch weiter entwickelt, analog den verschiedensten gesellschaftlichen Bedürfnissen und im Zusammenspiel mit der Evolution des philosophischen und wissenschaftlichen Denkens auf unserer Erde. BKS Iyengars genaue und nüchterne Methode hat in diesem Zusammenhang viel zur Erneuerung und Entmystifizierung des Yoga beigetragen. Er versteht Körper und Geist als Einheit und unterscheidet nicht zwischen körperlichem und spirituellem Yoga, denn wo endet der Körper und wo beginnt die Seele?
Im Iyengar® Yoga kommt der Arbeit am äußeren und inneren Körper große Bedeutung zu, was auch dazu geführt hat, dass die Begriffe Yoga und Asana beinahe synonym verwendet werden. Wenn ich sage: "Ich übe Yoga", meine ich meistens: "Ich übe Asana". Das Üben von Asana kultiviert unser Bewusstsein und stimuliert die Intelligenz der Zellen. Wie im Yogasystem des Patanjali die Bewegungsrichtung vom Groben zum Feinen geht, so ist es auch in jedem Asana. Anfänglich ist die Aufmerksamkeit bei den leichter durchschaubaren Elementen wie z. B. den Gelenken und der aufgewendeten Muskelkraft. Man konzentriert sich auf die Schwierigkeiten beim Halten eines Asana, erkennt nach und nach die Ursachen, stellt fest, dass eine Hemmung oft auf mentaler Ebene liegt und findet damit die Möglichkeit zur Überwindung der Schwierigkeit. Mit zunehmender Erfahrung wächst das Bewusstsein über bestimmte Fehlhaltungen, die oft einhergehen mit bestimmten "Ein-Stellungen", die dann korrigiert werden können. Damit wird der Körper mehr und mehr zum geeigneten Instrument für das Gewahrwerden innerer Abläufe, Blockaden werden abgebaut, die Energie kann frei fließen. Im Asana-Üben erfährt der Übende etwas über sich selbst, indem er langsam, mit Konzentration, Achtsamkeit und wahrer Selbstbeobachtung übt.

Den wirklichen Yoga findet man dann auch nicht in den oben genannten Schriften oder in modernen Yogabüchern, sondern nur im Herzen der Übenden. Die Texte sind nur unterstützende Wegweiser. Wichtig für die Übung von Asana sind selbstvergessene Hingabe und Ergebenheit, damit Asana für sich genommen schon lebendige Philosophie darstellt.

Georgie Grütter, Yogalehrerin

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