Es gibt kein Ende...
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  geeta s. iyengar
  Die B.K.S. IYENGAR®-Yoga-Vereinigung Deutschland e.V. veranstaltete im Mai 2002 eine dreitägige Iyengar Yoga Convention 2002 in Berlin, zu der die Tochter von BKS Iyengar in die Stadt kam und viele Interessierte von dem tiefen und lebendigen Wissen dieser beeindruckenden Lehrerin profitieren konnten.

Geeta S. Iyengar ist nicht nur Tochter, sondern auch Schülerin von B.K.S. Iyengar. Als ihre Lebensaufgabe hat sie angenommen, Bindeglied für die Lehre ihres Vaters zu sein. Mit ihrem vermittelnden Wesen trägt sie diese Lehre auf unverfälschte Art und Weise weiter.

Als Frau hat sie viel Sensibilität und Aufmerksamkeit für die Belange von Frauen entwickelt. Diese besondere Verbindung brachte sie in ihrem Buch "Yoga für die Frau" zum Ausdruck. Es wurde weltweit in viele Sprachen übersetzt und wird allgemein als Grundlagenwerk anerkannt.

Um sich ein noch besseres Bild von Geeta Iyengar machen zu können, geben wir im folgenden ein Interview mit ihr anläßlich des 25-jährigen Jubiläums des Ramamani Iyengar Memorial Yoga Institutes im indischen Pune wider:

Erinnern sie sich daran, wann und wie Sie zum ersten mal Kontakt mit Yoga bekommen haben?

Daran kann ich mich nur noch vage erinnern. Im Alter von 3 Jahren habe ich immer wieder meinem Vater beim Yogaüben zugesehen und - wie beim Spielen- versucht, seine Übungen nachzumachen. Wie Kinder eben so sind, wollte ich auch das machen, was meine Eltern machten. Meine Eltern haben mich nicht wirklich unterrichtet, aber immer wieder hat mein Vater während seiner Yogapraxis mit uns Kindern gespielt. ...Sie müssen sich daß so vorstellen: wenn mein Vater im Schulterstand war, hielt er uns mit seinen Füßen hoch in der Luft und dabei brachte er uns dazu, Rückwärtsbeugen, Vorwärtsbeugen, alle nur möglichen Yogastellungen zu machen. ...Ernsthaft und ganz bewußt habe ich mit Yoga angefangen, als ich mit einer Nierenentzündung zu kämpfen hatte. Nach dem Ausbruch der Nierenentzündung wurde ich sehr krank und fühlte mich unglaublich schwach. Ich habe verstanden, was Krankheit bedeutet. Mein Körper konnte diese Krankheit kaum aushalten. Eines Tages merkte ich, daß ich mich nach dem Üben von Yogahaltungen immer besser fühlte, plötzlich wieder meine Lebenskräfte spürte. Mein niedergeschlagener Geist wurde wieder emporgezogen. Nach diesem Tag begann ich regelmäßig zu üben.

Wie war das damals als Kind für Sie, einen Vater zu haben, der zugleich Ihr Lehrer ist? War er härter zu Ihnen als zu seinen anderen SchülerInnen? Oder waren seine Erwartungen Ihnen gegenüber höher als an seine anderen SchülerInnen?

Da ich damals nie in seinem Unterricht dabei war, wußte ich nicht, wie er seine SchülerInnen behandelte. Ich wußte nur, daß er ein sehr strenger Lehrer ist und mit mir war er auch ausgesprochen streng. Ich erinnere mich, wie er auf meine Wirbelsäule oder auf meinen Rücken drückte, wenn ich in irgend etwas nicht hinein kam. Er half mir dabei, meinen Körper in Bewegung zu bringen. Das führte aber auch dazu, daß mein Geist in Bewegung gebracht wurde und sich öffnete.... Er war streng zu mir, genauso wie er zu seinen anderen SchülerInnen streng war. Was auch immer sich öffnen mußte, mußte sich öffnen. Was auch immer verbessert werden mußte, mußte verbessert werden.

Wie fühlten Sie sich, als Sie ihre erste Yogaklasse unterrichteten?

Glauben Sie mir, ich hatte niemals Angst davor, eine Gruppe zu unterrichten, nicht einmal damals. Zu dieser Zeit übte ich ernsthaft und unterrichtete eben. ... (Iyengar hatte Besuch von Yehudi Menuhin und konnte deshalb nicht seine allgemeine Klasse unterrichten und bat Geeta sie zu unterrichten) Ich fragte meinen Vater: "Wie soll ich diese Klasse unterrichten?" Ich bat ihn, mir zumindest die englischen Namen der einzelnen Körperteile zu sagen. Damals lernte man in der Schule im Englischunterricht nichts über den Körper. Wir wußten nicht, daß das Knie knee heißt und der Fuß foot...Ich lernte die Namen der Körperteile und bildete ganz einfache Sätze so wie: "Halte das Bein gerade, sei stark in dem Fuß, hebe den Brustkorb etc. (sie lacht). So unterrichtete ich meine erste Yogaklasse. Ich weiß nicht, ob sich die Schüler noch daran erinnern. Sie genossen die Klasse, denn ich brachte sie dazu, alle Yogastellungen zu machen, - von A bis Z- in eineinhalb Stunden, denn ich wußte ja nicht, was und wie ich sie hätte korrigieren sollen. Ich brachte sie dazu, alles zu machen, was Guruji sie gelehrt hatte. Ihr Wissen war begrenzt und genauso war auch mein Wissen begrenzt...

In Ihren Yogaklassen gibt es etwas Einzigartiges: Sie schenken immer denjenigen besondere Aufmerksamkeit, die scheu oder reserviert sind, insbesondere den Frauen. Hängt das damit zusammen, daß sie in einer traditionellen, konservativen Umgebung aufgewachsen sind, oder ist es Ihrer Veranlagung zu verdanken, gerade in diesen Menschen Mut und Vertauen aufzubauen?

Es ist für mich ganz natürlich. So lange diese Menschen scheu und reserviert bleiben, wird es für sie keine Freiheit geben. ...Was ist Freiheit des Körpers. Sie kann nur erreicht werden, wenn auch der Geist frei ist. Wir müssen den Körper als Instrument nutzen, um zu verstehen, was Freiheit ist. Den Geist zurückzuhalten und nur den Körper machen zu lassen, das ist unmöglich.....So kann Mut entstehen. Sie müssen den SchülerInnen als erstes Ihre ganz eigenen Erfahrungen vermitteln. Was ist denn überhaupt unterrichten? Unterrichten ist, Ihre Erfahrung, Ihr Wissen, Ihre inneren Gefühle weiterzugeben. All das müssen Sie Ihren SchülerInnenn vermitteln, damit die SchülerInnen eine Veränderung spüren, eine Transformation. Es gibt natürlich noch andere Dinge, die vermittelt werden müssen, wie z.B. die Techniken, aber darum geht es jetzt nicht. Die inneren Gefühle und Erfahrungen müssen übertragen werden und deshalb unterrichte ich so. Und das ist der Grund, warum ich merke, dass Frauen, die scheu sind oder glauben, nicht mehr zu können oder sich selbst eine Grenze setzen, dass diese Frauen Fortschritte zeigen und weiter fortschreiten. Das ist vielleicht der Grund, warum sie sich verändern.

Was inspirierte Sie dazu das Buch: "Yoga für die Frau" zu schreiben?

... Als ich das Buch "Yoga für die Frau" schrieb, gab es viele Frauen, die Angst vor Yoga hatten. Damals glaubte man, daß der Organismus der Frau durch Umkehrhaltungen in Unordnung geraten würde. Heutzutage hat sich die Sichtweise verändert, man findet sogar Frauen, die boxen, Gewichte heben und ringen, was ich wiederum auch nicht ganz richtig finde. Es ist okay aus Spaß oder als eine besondere Herausforderung, solche Sportarten zu machen. Aber eine Frau sollte nicht so muskulös wie ein Mann werden. ...Jetzt kommen viele Frauen zum Yoga und sie wollen auch immer mehr wissen, was sie tun können, wenn sie schwanger sind oder wie Yoga ihnen helfen kann, wenn sie Beschwerden während ihrer Menstruation haben. Da hat sich sehr viel verändert. Jetzt habe ich das Gefühl, mein Buch neu schreiben zu müssen. Ich würde gerne mehr über die Probleme von Frauen schreiben und wie ihnen durch Yoga geholfen werden kann. ... Wir müssen auch akzeptieren, daß unser Körper ein bißchen älter wird und zugleich sollten wir uns bemühen, ihn jung zu machen. Das ist einfühlsamer als dieses sogenannte "Positive Denken", wo ständig gesagt werden soll: "Ich bin jung, ich bin jung, ich bin jung". Von dieser Art "positiv zu denken" halte ich nichts. Wenn eine Person krank ist und Sie zu ihr sagen: "Denke nicht daran, daß du krank bist", das hilft doch niemandem. Stattdessen muß diese Person lernen, ihre Krankheit zu akzeptieren. Dann muß sie einen Weg finden, wieder gesund zu werden und ihre eigenen Lebenskräfte zu erwecken. Das ist "Positives Denken". Vielleicht inspirieren mich derartige Gedanken, mehr zu schreiben.

...mehr als 70 % der YogalehrerInnen und der Yogaübenden sind Frauen - was meinen Sie dazu?

Frauen sind in der Regel sehr aufrichtig. Ich frage mich immer, warum gerade Frauen so aufrichtig sind. Guruji ist natürlich auch sehr aufrichtig. Er hat sich niemals vor seiner Verantwortung gedrückt, ist immer noch anwesend, wenn ich unterrichte. Er ist immer da gewesen und er wird immer da sein, weil er einen Sinn für Verantwortung hat. Ein derartiges Verantwortungsgefühl und eine solche Aufrichtigkeit sind normalerweise mehr unter Frauen zu finden, deshalb gibt es auch mehr Frauen, die Yoga unterrichten.…Frauen haben eine besondere Stärke in der Kunst der Vermittlung. Sie haben die nötige Geduld für ihre SchülerInnen, sie korrigieren stufenweise und bringen ihre SchülerInnen dazu, sich zu verändern.… Sie sind sensibler und aufrichtiger als Männer, vielleicht weil sie nicht so sehr mit ihrem Ego kämpfen müssen. Männer können diese Kunstfertigkeit entwickeln, wenn ihr Ego sie in Ruhe läßt und sie einen Geist haben, der auch akzeptieren kann. Guruji sagt immer: "Das Ego macht Euch blind. Es blockiert Eure Sicht."…

Gehen wir in der Zeit etwas zurück. Als Ihre Mutter plötzlich verstarb, waren Sie noch sehr jung und zu all dem Kummer bekamen Sie als älteste Tochter in der Familie plötzlich sehr viel Verantwortung übertragen. Dann wurde ja auch noch das Institut gegründet. Alle diese Dinge passierten zur gleichen Zeit, - wie glauben Sie, hat Ihnen Yoga geholfen damit umzugehen?

Ich war geistig und gefühlsmäßig ziemlich durcheinander. Körperlich fühlte ich mich ausgezehrt und ich hatte plötzlich so viele neue Verpflichtungen. All das beeinflußte meinen körperlichen und auch meinen seelischen Zustand. Meine Yogapraxis half mir definitiv, mein Inneres wieder auszugleichen. Sie verhalf mir zu körperlicher, moralischer und geistiger Stärke.... Yoga gibt uns die Stärke, uns um unsere eigentlichen Aufgaben zu kümmern. Meine Zeit zu üben mußte ich von anderen Aktivitäten abziehen. Auch mußte ich bis zu einem gewissen Grade meine Yogapraxis beschneiden. Ich mußte einfach zusehen, gerade so viel zu üben, daß ich gesund bleiben und meine Pflichten erfüllen konnte....

Was, glauben Sie, ist der Grund für Ihre Hingabe und Bescheidenheit? Ist es Ihre Yogapraxis? Oder liegt es daran, daß sie ständig von Guruji umgeben sind?

Ich weiß gar nicht, ob ich demütig oder bescheiden bin. Sie behaupten, daß ich es sei, so nehme ich das als Kompliment (sie lacht). Meine Yogapraxis kennt kein Ende. Sie muß weitergehen und es ist mir ganz klar, daß ich in diesem Leben vielleicht nur eine gewisse Stufe erreichen werde, aber da wird es immer noch etwas jenseits dieser Stufe geben. Ich muß nicht alles erreichen oder zu einem Ende bringen. Es ist ein kontinuierlicher Prozeß. So sehe ich das. Schauen wir doch einfach, wie und was passieren wird. So lange ich Yoga praktiziere, hatte ich nie ein genaues Ziel vor Augen. Ich habe versucht, meine Bestes zu geben und strengte mich an, so gut ich konnte, zu lernen. Dadurch eröffneten sich mir unterschiedliche Wege der Erkenntnis. An mehr war ich niemals interessiert...

Geetaji, bei alle dem wird deutlich, daß sie sehr engagiert und aktiv sind. Hätten Sie jemals damit gerechnet, daß das Institut in den letzten 25 Jahren so gewaltig wachsen würde?

Früher hätten wir niemals damit gerechnet, daß das Institut einmal so gut laufen würde. ... Jetzt gibt es hier 4 medizinische Klassen, Klassen für Frauen, Klassen für Kinder etc.. Als es noch kein Institut gab, konnten wir uns so etwas gar nicht vorstellen. Anfänglich gab es nicht diese Massen an Leuten, die Klassen bestanden aus 20 bis 25 Leuten und wuchsen kontinuierlich weiter. Heute merken wir, wie klein das Institut plötzlich geworden ist. Das Interesse nimmt weiter zu.

Und wenn man dann noch bedenkt, daß eine große Anzahl der SchülerInnen hier LehrerInnen geworden sind und weitere hunderttausend SchülerInnen unterrichtet haben....

Die Menschen interessieren sich immer mehr für Yoga. Jetzt ist es unsere Pflicht, seine Echtheit zu erhalten. Ich erwarte nicht, daß alle das Kaliber von Guruji haben. So etwas gibt es nur einmal in einem Jahrhundert oder alle fünfhundert Jahre. Aber das bedeutet nicht, dass wir zurückfallen müssen. Wir müssen sehen, daß wir etwas begreifen und das dann unverfälscht unterrichten. .... LehrerInnen, die in der Lage sind weiterzugeben, was Guruji uns all die Jahre gelehrt hat, würde ich mir wünschen. Dann wird Yoga neue Früchte tragen.

Danke Geetaji.

 
  Erklärungen / Übersetzungen:
Guru = ist das indische Wort für "spirituellen Lehrer",
wörtlich "jemand der einen aus dem Dunkel zum Licht führt".
Guruji= die Endung "-ji" ist Ausdruck des Respektes,
so könnte man das übersetzen mit "sehr verehrter Lehrer".
Geetaji="sehr verehrte Geeta"
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